CD Review: Harry Gump - Four Chords Forever (2018)

Lange, lange lag diese Review im Ordner der Ankündigungen. Der hauptsächliche Grund dafür, ist dass ich die CD von Harry Gump erst dann besprechen wollte, sobald ich das dazugehörige Buch gelesen habe. Ja richtig, es gibt ein Buch zur CD! Eigentlich wollte ich das dann im Urlaub machen, aber aus bekannten Gründen, war ich auch nicht im Urlaub... Wie dem auch sei. Heute haben wir die CD "Four Chords Forever" vom Wahl-Münchner Liedermacher Harry Gump vor uns liegen. Erschienen sind Buch und CD schon 2018 mit Unterstützung von 30 Kilo Fieber Records, True Trash Records sowie dem Never Grow Up - DIY Aktionismus Kollektiv.
Beginnen wir mit der CD.
"Four Chords Forever" ist eine Liedersammlung des bayerischen Folk Punkers. Das Album enthält zwanzig Titel. Die ersten zehn davon sind Home Recordings, die zuvor auf den Veröffentlichungen "Waterfront", "We're all in this together" und "Lichter im Dunkeln" erschienen sind. Harry Gump spielt mal allein und mal mit Unterstützung von anderen Menschen. Zu hören gibt es zumeist akustischen Punk Rock, etwas Country und viel Folk.
Auf der zweiten Hälfte gibt es dann zehn Live Aufnahmen. Abgesehen von einem Lied von "We're all in this together" und zwei Nummern von "Waterfront" sind hier ausschließlich Titel des Live Albums "Auf unzähligen Straßen - Live Bootleg Vol. 1" aufgeführt. Neben vielen Auftritten in Bayern gibt es auch Live Mitschnitte aus Irland und Slowenien zu hören.
Gesungen wird mal auf deutsch und mal auf englisch. Die Texte von Harry Gump sind reflektiert, gerne mal politisch und immer mitreißend. Es sind Geschichten über das Leben auf Tour, Erzählungen aus dem Leben und vertonte Gedanken, mit denen Harry Gump sein Publikum fesselt. Angetrieben wird er dabei stets durch sein dynamisches und nach vorne drückenden Gitarrenspiels. In schönster Punk Rock Manier mit gewissen Einflüssen aus Country und folkiger Harmonie spielt Harry Gump für ausgelassene Nächte und gesellige Abende. Mal nachdenklich und mal aktivierend zieht Harry Gump mit sicher und rauer Stimme alles in seinen Bann.
Diese CD ist viel mehr als nur eine "Best of" Kollektion. Besonders die zweite Hälfte des Albums versetzt die Hörenden direkt in die atemberaubende Atmosphäre eines Konzerts hinein. Nicht nur in Corona-Zeiten ist das ein wohltuende Erfahrung. Die Aufnahmen klingen nach purer Freude und schmecken nach kühlen Getränken. Ich bin versucht, beim Hören an die Bar zu gehen und mir ein Bier zu bestellen. Zusammen ist "Four Chords Forever" eine äußerst schöne Zusammenstellung des bisherigen Schaffens von Harry Gump und ein großartiges Werk akustischen (Folk) Punks.
Und dann ist da ja noch das dazugehörige Buch, das nicht nur die Akkorde zu den Liedern sondern auch wundervolle Geschichten enthält. Es ist eine geschriebene und vorzügliche Liebeserklärung an Punk Rock und Musik allgemein. Zusammen mit vielen Gästen erzählt Harry Gump über das Leben als Mensch im Musikbusiness. Herausgekommen ist dabei eine Sammlung voller süßer Nostalgie, witziger Anekdoten und wichtiger Gedankenanstöße.
Anstatt hier eine Inhaltswiedergabe zu schreiben, habe ich mich für etwas anderes entschieden. In fünf Kapiteln erzählen die Mitwirkenden, wie sie im Punk Rock sozialisiert wurden. Deshalb schreibe ich hier, was ich zu den fünf Kapiteln beigetragen hätte. Harry, falls du das liest; diese Passagen dürfen selbstverständlich veröffentlicht werden.

Kapitel I: Pictures of our Past - Über die Läden unserer Jugend
Angefangen hat es bei mir im Kurbelkasten (kurz: Kasten) in Hann Münden so um 2004 rum. Dort ging ich die ersten Male alleine auf Konzerte und sah viele Bands, die ich heute nicht mehr unbedingt höre. Neben den Rappern ASD gehören dazu auch die Ska Punker von den Wohlstandskindern. Später fuhr ich dann öfters ins benachbarte Kassel ins K19, wo es damals noch viele Ska und Punk Konzerte gab. Den Kasten gibt es schon lange nicht mehr, was sehr schade ist. Selbst als ich lange weggezogen war, bin ich gerne Jahr für Jahr zu Heiligabend dort eingekehrt, um alle Leute meiner Schulzeit wiederzutreffen.
Inzwischen genieße ich die Vorzüge, in einer größeren Stadt zu leben und bin als regelmäßiger Gast im Immerhin sowie im Café Cairo in Würzburg. Ich fühle mich in den Läden unheimlich wohl. Das Gefühl, als kleiner Dorfpunker in die kleinen Schuppen oder auch mal in die nächste Stadt zu fahren, ist aber ein unwiederbringliches Stück Erinnerung.

Kapitel II: By my Side - Über die Platten, die uns prägten
Meine Familie hat früh schon versucht, mich mit Musik zu sozialisieren. Neben den Toten Hosen, den Dead Kennedys und den Ramones lagen auch System of a Down schon sehr früh in meiner Musiksammlung. Mein erstes eigenes Tape war "Americana" von The Offspring und einige Zeit danach hatte ich mit "Pretty fly for a white Guy" auch meine erste eigene Maxi-CD. Dann hat es wiederum ein bisschen gedauert und ich bin erst mit ca. 16 Jahren wieder zum Punk Rock gestoßen. Wichtige CDs waren damals die ersten zwei Slime Alben und "Fresh Fruit for Rotten Vegetables" von den Dead Kennedys. Ein einschlägiger Moment war tatsächlich meine erste selbstgedrehte Zigarette in meiner ersten Wohnung in Backnang, als im Hintergrund 'The Magnificient Seven' von The Clash's "Sandinista!" lief. Das ist bis heute eine meiner liebsten Veröffentlichungen in der Geschichte des Punk Rock.

Kapitel III: Collecting Stories - Über den ganz normalen Wahnsinn auf Tour
Selbst getourt bin ich nie wirklich, aber ich habe ein paar Geschichten von Konzerten meiner alten Bands im Gepäck.
2008 oder 2009 habe ich mit der Backnanger Metalcore Band Symptoms of Betrayal ein Konzert im vorarlbergischen Dornbirn gespielt. Dort angekommen, trafen wir auch auf die anderen Bands: zwei Beatdown Hardcore Kapellen aus dem Ruhrgebiet, die mir äußerst unsympathisch waren. Das (unheimlich leckere) vegane Catering war den anderen Bands wohl ein großer Dorn im Auge, was sie auch deutlich machten. Später spielten wir dann vor ganzen sieben zahlenden Zuschauern. Während unser Konzert bis auf ein paar gestreckte Mittelfinger recht problemlos über die Bühne ging, war das später anders. Einer der sieben zahlenden Gäste war ein ortsansässiger Punker, der ohne weitere Gründe aus dem Saal geprügelt wurde. Den Rest der Nacht verbrachten wir in der örtlichen Rock Disco, die offenbar ein beliebter Treffpunkt der lokale Naziszene war. Zum Glück passierte aber nichts weiter.
Ein anderes Mal spielte ich mit der Würzburger Desert Grunge Band Queen Morphine im Nürnberger Studio 1 (in großartiger Laden übrigens!). Wir fuhren in zwei Schichten, da es an einem Bus mangelte. Während Drummer Lukas (EgoTherapie) und ich mit Großteil des Schlagzeugs und etwas Gepäck im Zug saßen, fuhren Gitarrist Matze, Sänger Stefan und dessen Freundin Anna mit dem Auto. Und dann ist ihnen auf der Autobahn die Karre verreckt. Laut ADAC waren sie noch nicht weit genug aus der Stadt heraus, um sie weiterzufahren. Folglich ging das große Telefonieren los, bis wir endlich einen Ersatzwagen hatten. An dieser Stelle will ich mich nochmal bei der Grazer Stoner Rock Band Savanah bedanken, dass sie die Running Order spontan geändert haben, sodass wir noch auftreten konnten.

Kapitel IV: We're all in this together! - Über Punk und Politik
In der Punk Szene habe ich mich sehr früh sehr wohl gefühlt. Es war eine der ersten Gruppenerfahrungen, in der keine Gefahr bestand, dass irgendein Dorfdepp mich scheiße findet, weil ich nicht ganz so deutsch, geschweige denn fremdenfeindlich bin. Wahrscheinlich hätte ich dafür auch in die Kirche gehen können, aber...
Mit den Jahren habe ich auch innerhalb der Punk Szene immer wieder negative Erfahrungen machen müssen. Neben Trotteln wie Oi Polloi oder Daily Terror gibt es leider immer wieder Relativismus und selbsternannte Punker, denen alles scheißegal ist, solange sie Pfeffi und Oetti haben.
Inzwischen bin ich wieder gut angekommen und bewundere die Arbeit der Gruppierungen in Würzburg. Hier ist ein starkes Netzwerk vorhanden, das gut aufeinander aufpasst und keinen Raum für Sexismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus oder Homophobie gelassen wird. Punk kann eben doch etwas bewegen.
Übrigens schreibe ich dieses Semester meine Bachelor Thesis über Sexismus im Punk Rock.

Kapitel V: The Day I'll lay my Six-String down - Über das Älterwerden
Ja, man verändert sich. Meine nietenbesetzte Lederjacke ist schon lange nicht mehr da und ich trage auch keine Zehn-Loch-Stiefel mehr. Gelegentlich kommt noch mal die alte Kutte aus dem Schrank, aber äußerlich ist der Punk Rock nicht mehr so präsent bei mir.
Und innerlich? Ich bin immer noch chaotisch, bin noch immer ein sehr politischer Mensch, der Ausgrenzung und sozialer Ungerechtigkeit nichts abgewinnen kann. Ich würde am ehesten sagen, dass die Gedanken und Einstellungen über die Jahre verfeinert und ausgearbeitet wurden. Die Mittel und Methoden wiederum wurden stärker verändert. Ich selber finde, dass ich noch immer Punker bin. Außerdem gibt's da diesen pathetischen Satz "Wer sagt, früher mal Punk gewesen zu sein, war es nie".

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