Interview: Mario Schönwälder from Manikin Records (German)

 

Picture Credit: Manikin Records

Manikin Records steht seit bald dre Jahrzehnten für elektronischen Sound aus Berlin. Wer sich für Klänge wie Ambient, Berliner Schule, Electronica interessiert, wird an diesem Namen kaum vorbei kommen. Im dreißigsten Jahr des Bestehens konnte ich Labelgründer Mario Schönwälder interviewen und auf das bisherige Schaffen von Manikin Records zurückblicken.

"Es wird immer weitergehen, Musik als Träger von Ideen“ (Ralf Hütter, Kraftwerk)."


Hallo Mario, danke dass du dir Zeit nimmst. Lass uns ganz locker einsteigen. Möchtest du dich und das Label Manikin Records kurz vorstellen?

Hallo liebe Leser, hallo Raphael, ich bin ein waschechter Berliner Junge, Jahrgang 1960. Nach einer eher unmusikalischen Jugendzeit lernte ich Anfang der achtziger Jahre Bernd Kistenmacher in Berlin kennen und durfte bei ihm an seinen ersten Synthies etwas spielen und an den Knöpfen drehen. Dies löste ein bis heute anhaltendes Fieber aus: Die Suche nach neuen, „unerhörten“ Klängen und die Freude am Musik machen. Das musizieren begann so um 1984/85 mit ersten eigenen Klangerzeugern. U.a. dem heute noch beliebten Korg MS 20. Viele Aufnahmen aus dieser Zeit sind auf Tapes archiviert und fristen im Keller ein Dasein unter Verschluss. Und ich weiß auch warum das so ist.
1988 bekam ich die Gelegenheit, auf Bernd Kistenmachers Label Musique Intemporelle (heute kurz MI Records) zwei Tracks auf einer Compilation zu veröffentlichen. Dieses Release wurde auf CD und auch noch auf Vinyl veröffentlicht. Danach gab es nur noch CD-Releases, aber dazu kommen wir später noch.
Im April 1992 habe ich dann mein eigenes Label Manikin Records ins Leben gerufen, dessen Namen ich meiner älteren Tochter verdanke: Sie fand immer Gefallen an den Männchen, die ich beim Telefonieren auf die Schreibtischunterlage kritzelte.
Eine kleine Anekdote zu meiner Jugend in Berlin: Ich habe bis 1969 in der Pfalzburger Straße in Berlin Wilmersdorf gelebt, in der zwei Querstraßen weiter das Berliner (Elektronik) Beat-Studio des Senats seine Räume hatte. Dort trafen sich ab 1968 Klaus Schulze, Manuel Göttsching, Edgar Froese und viele andere Musiker der „Berliner Schule“ zu ihren Übungsstunden.

Im April 2022 feiert Manikin Records dreißigjähriges Bestehen. Das ist eine Zeit, in der einige Geschichten und Erlebnisse stattfinden können. Was sind deine liebsten oder signifikantesten Erinnerungen, die dich mit dem Label verbinden?

Es gibt natürlich viele Geschichten und Geschehnisse, die in dieser Zeit geschehen sind. Die großen Glücksmomente waren die Jahre 1995 bis 2001, in denen ich CDs von Klaus Schulze, Ashra/Manuel Göttsching und Edgar Froese veröffentlichen durfte. Wobei letzteres Release dann sehr schnell zu Problemen führte, die aber vom sublizensierenden Label zu verantworten waren. Daher ist diese CD (Macula Transfer) heute eine der sehr gesuchten Raritäten, weil sie bei Manikin Records erstmalig als CD und ohne dem berühmt-berüchtigten „Tangenizen“ (dem nachträglichen Überspielen der Originalaufnahmen) veröffentlicht worden war.
Ein (heute) als lustig anzusehendes Ereignis gab es beim Versand der Jubilee Edition von Klaus Schulze. Eine alte Fabrikhalle war angemietet und alle packten fleißig Pakete. Dabei lief vom Ghettoblaster die Musik aus dem Box-Set, das aus Konzert Budapest 1982. Es waren Skip-Punkte ohne (sic) Pause vorgesehen. Irgendwann und irgendwie wurden daraus welche mit Pause. Mitten in einer Konzertaufnahme 2 Sekunden Stille im Raum. Die Gesichter der Anwesenden: Unvergesslich!
J Binnen 48 Stunden 1.000 neue CDs im Presswerk herstellen lassen und alles händisch umpacken. Ab der CD #499 wusste ich nicht mehr in welcher Hand ich die richtige und in welcher Hand ich die falsche CD hatte. Das vergisst man nicht.
So kann man zu vielen Produktionen, über 150 sind es mittlerweile, immer eine Geschichte erzählen. Jede Produktion genoss aber meine volle Aufmerksamkeit. Das merkt man auch an der Liebe, mit der wir an die Gestaltung der Covers gehen. Sie gehören für mich zum Produkt wie die Musik. Sie sind sozusagen die Tür zum Kunden.
Insgesamt blicke ich sehr zufrieden auf dreißig Jahre mit vielen tollen Ideen (CDs in Blechdosen, CD-Box in Holzkisten), einer kleinen aber richtig guten Mannschaft um mich herum und viel schöner Musik zurück. Dies insgesamt gesehen ist ein Erlebnis, das man als ein sehr freudiges immer in Erinnerung behält.



"Die Berliner Schule [hat] den Sprung über die Zeiten Dank ihrer Wandlungsfähigkeit geschafft"

Die Veröffentlichungen erscheinen vorrangig auf CD. Liegt das in der Natur der Genres oder ist es vielleicht auch vorstellbar, dass es in Zukunft auch Tapes oder Schallplatten von Manikin gibt?

Kassettenveröffentlichungen oder Tapes, wie man heute sagt, haben noch nie eine wirkliche Rolle gespielt bei Manikin Records. Nur ein einziges Mal und das ganz am Anfang, kurz nach dem Fall der Grenzen im Osten, habe ich von meiner ersten Solo-CD „The Eye of the Chameleon“ Kassetten für ein Konzert in Polen gemacht. Die wurden von den Zuhörern dort sehr dankbar aufgenommen, waren doch CD-Spieler noch nicht so verbreitet. Schon beim nächsten Auftritt in Polen war dort die CD ebenso verbreitet wie hier.
Das Vinyl hatte, wie schon gesagt, ganz am Anfang meiner Veröffentlichungen eine Rolle gespielt. Dann war und wurden es über Dekaden ausschließlich CD-Releases. Der digitale Vertrieb kam hinzu, wobei ich mich lange dagegen gewehrt habe. Ich verstehe Musik hören auch als einen Vorgang mit einem physischen Vorspiel. Im Jahr 2021 angelangt bin ich so weit, dass auch Vinyl-Releases als kleine exklusive Auflagen für Sammler finanziell machbar geworden sind. Und Manikin Records wird sicher nicht daran vorbeigehen. Konkrete Ideen dafür gibt es bereits.

Die Berliner Schule ist gut ein halbes Jahrhundert alt und es wirkt, als sei das Genre lebendig wie eh und je. Wo wird eure Musik heutzutage gespielt – seid ihr mehr in den Clubs oder in Soundtracks vertreten? Und siehst du die Berliner Schule als generationenübergreifende Bewegung?

Ja, ich finde auch, dass die Berliner Schule quicklebendig ist und sie den Sprung über die Zeiten Dank ihrer Wandlungsfähigkeit geschafft hat. Das Grundmuster der sich wiederholenden, meditativen oder treibenden Sequenzen wurde in moderne Musikrichtungen wie Trance, Techno und viele andere übernommen, nur eben dem Zeitgeist entsprechend weiterentwickelt. Und – da kann ich einen Hamburger Musikproduzenten zitieren – sie wird auch immer weiter gehört werden. Er vertrat die Ansicht, dass die jungen Leute, die sich heute zu den schnellen Rhythmen auf der Tanzfläche bewegen auch älter werden, trotzdem aber zu Hause die elektronischen Klänge weiterhin genießen werden wollen. Er prophezeite, dass dann die Musik ohne die wummernden Beats, die mehr meditativ-treibende Elektronik ihre Zeit haben wird. Im besten Sinne ist die Elektronische Musik und die Berliner Schule die „Hausmusik“ der Jetztzeit geworden. Technisch und finanziell für jede/n machbar.
Wenn unsere Musik in Clubs laufen sollte, dann wohl am ehesten in den Chill Out-Bereichen. Ich verfolge das ehrlich gesagt nicht wirklich. Mag daran liegen, dass ich die Einlasskontrolle eines Clubs nicht mehr packen würde ;-)
Musik für Soundtracks ist ein Thema und eine Welt für sich. Sicher ist viel Musik, die wir machen, durchaus kompatibel. Man muss sich nur Film- und Fernsehproduktionen anhören, Gameshows oder Quizsendungen dazu nehmen. Was da an elektronischer Musik läuft…atemberaubend. Mein Topfavorit ist Hans Zimmer. Seine symphonisch-elektronischen Soundtracks begeistern mich immer wieder. Es ist aber ausgesprochen schwierig in diese Riege hereinkommen. Da bedarf es vieler Kontakte, Geduld und Ausdauer. Und wenn Du im Telefonregister eines Produzenten stehst, musst Du liefern. Egal wie kurz die Fristen sind. Dann kann das auch ein ganz hartes Geschäft werden.
Von meiner eigenen Musik weiß ich nur definitiv, dass sie einmal für ein TV-Feature über Dinosaurier im deutschen Privatfernsehen benutzt wurde. Was sich hinter TV-Abrechnungen im Ausland verbarg, habe ich nie herausbekommen.



"Elektronische Musik wie wir sie machen hat aber ein anderes Rezept. Sie soll den Hörer dazu bringen, sich mit der Musik auseinander zu setzen."

Der digitale Markt ist eine neue Herausforderung für viele Musiker:innen, Labels und Vertriebe. Wie hältst du es bei Manikin Records mit Deezer, Tidal oder Spotify? Und welche Rolle spielt Bandcamp?

Eine schwere Frage für mich. Als Musiker und Produzent mag ich Dienste wie Spotify, Tidal etc. nicht, da die Vergütung für die Nutzung der Musik für die Urheber, freundlich gesagt, sehr gering ausfällt. Für die Konsumenten ist das selbstverständlich eine günstige und schnelle Art des Musikkonsumierens. Aber ich sehe hierin auch die Gefahr, dass Musik zu einem Wegwerfartikel wird. Es gibt nichts mehr, was ich daheim in einem Regal stehen habe. Nicht mal eine Festplatte wird gebraucht. Ich höre die Musik überall, nebenbei. Das mag mit Popmusik, Schlager und anderer leicht ins Ohr gehender Musik funktionieren. Elektronische Musik wie wir sie machen hat aber ein anderes Rezept. Sie soll den Hörer dazu bringen, sich mit der Musik auseinander zu setzen. Sie in Ruhe – wie ich gerne sage, beim Glas Wein und Kerzenlicht im abgedunkelten Raum - genießen. Sich entschleunigen, auf eine Sache konzentrieren. Das wird durch die schon beschriebenen physischen Aktionen des Öffnens eines Covers, dem Einlegen eines Tonträgers in den Player und das Drücken der Playtaste begünstigt.
Bandcamp ist für mich so etwas wie der goldene Weg in der Mitte. Ich kann Tonträger ebenso erwerben/verkaufen, wie Downloads in sehr hoher Qualität (WAV und nicht MP3), die Musik aber auch zusätzlich streamen wenn ich das mag. Das Rundumglücklich-Paket. Und die Ausschüttung an die Urheber ist wesentlich gerechter.
Wie fast immer im Leben gibt es auch in der Frage des wie konsumiere ich Musik kein richtig oder falsch, sehr wohl aber eine gerechte und eine ungerecht Vergütung. Musik ist eine Form von Kunst. Kunst hat ihren Preis. Einen Banksy bekommt man nicht beim Discounter. Wobei …. darüber denke ich noch einmal nach, ob das nicht doch mal passieren könnte. ;-)

Gibt es einen Traum, den du dir mit Manikin Records bzw. deiner Musik gerne noch erfüllen möchtest?

Wünsche und Träume hat jeder von uns. Wenn ich ins fantasieren komme, wäre eine Box mit unveröffentlichten Aufnahmen von Tangerine Dream aus den Jahren 1970 bis 1980. Konzerte, Soundtracks und Studio-Outtakes etwas aufregendes. Dann hätte Manikin Records Archivmaterial der drei großen Musiker/Bands der Berliner Schule, Ashra, Klaus Schulze und Tangerine Dream veröffentlicht. Wobei ich nach diversen Veröffentlichungen von Tangerine Dream damit offenbar schon etwas spät dran bin. Aber träumen ist ja an dieser Stelle durchaus erlaubt und die Archive sind sicherlich noch lange nicht leer.
Vinyl-Sets meiner eigenen Projekte Broekhuis, Keller & Schönwälder, Fanger & Schönwälder und Filter-Kaffee wären noch so ein Traumprojekt für Manikin Records.
Und letztlich mit der eigenen Musik wären es einige ausgefallene Locations für je ein Konzert mit einem meiner Musikprojekte: Ein Konzert in einem antiken Amphitheater wie z.B. das Minack Theatre an der Südküste des Cornwalls, ein Konzert in der Cueva de los Verdes auf Lanzarote, ein Konzert im Club333 im Tokio Tower und ein Konzert in der sich langsam drehenden Kugel des Fernsehturms in Berlin. Jetzt muss ich nur noch überlegen, mit welchem Projekt ich wo auftrete.
J



Ich bedanke mich für das Interview. Zum Abschluss möchte ich dir noch einmal frei das Wort überlassen.

Wie füllt man am besten den hier gegebenen Freiraum? Ganz einfach: Als erstes Danke ich Dir ganz herzlich für dieses Interview und wünsche allen Lesern viel Spaß mit der Lektüre. Bleibt gesund, haltet durch und bleibt offen sowie neugierig was die Musik angeht. Frei nach Heinz Erhard „Noch´n Zitat“: „Es wird immer weitergehen, Musik als Träger von Ideen“ (Ralf Hütter, Kraftwerk).

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